Folge #88 - Friederike Haupt

Über den Tellerrand schauen: Politik, Gastronomie, Journalismus und der Blick auf das Wesentliche

Diese Folge wurde am 24.04.2026 im Berlin aufgenommen.

Name: Friederike Haupt
Wortschatz: Journalismus, Gastronomie, Kultur, Medien, KI
Ankunft in Berlin: Mai 2021

Ich bin auf Friederike Haupts Arbeit über Instagram gestoßen. Durch ihre Beiträge, die Berliner Gastronomieplätze unter einem bestimmten Blickwinkel bündeln.

Aber anders als Food-Creator, Restaurantkritiker oder touristisch ausgerichtete Accounts interessiert Friederike sich für das, was jenseits des Tellers liegt: die Atmosphäre eines Ortes, die Menschen, die man dort antrifft, die Details, denen man sonst keine Aufmerksamkeit schenkt.

In dieser reichen und fesselnden Folge teilt die politische Journalistin ihren Ansatz, ihre Interessen, ihre Arbeit. Wir sprechen über Themen, die so unterschiedlich sind wie Gastronomie, Journalismus, Schreiben und Künstliche Intelligenz, und über das, was all dem zugrunde liegt: Neugier und der Blick, den wir auf andere richten.

Viel Spaß beim Zuhören!

Anmerkungen zur Folge #88

Friederike Haupt ist Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und nebenbei eine leidenschaftliche Beobachterin des Berliner Alltags. Auf Instagram veröffentlicht sie seit einigen Monaten Posts, in denen sie jeweils fünf sehr unterschiedliche Orte unter einem Thema versammelt: fünf Schnitzel-Lokale, fünf Frühstückorte, fünf Hotspots des politischen Berlins. 

Dabei geht es ihr nie in erster Linie ums Essen selbst, sondern um das Milieu, die Stimmung, die Menschen. Dieses Format, das sie selbst als eine Art „Meme-Reportage » bezeichnet, ist nicht zufällig entstanden: es wuchs aus einem persönlichen Archiv von über 150 besuchten Orten in Berlin und aus dem Wunsch, anderen Zugang zu diesem Fundus zu geben.

Was ihr Format von klassischem Food-Blogging unterscheidet, ist nicht nur der Fokus, sondern das Handwerk: Friederike schreibt, ausführlich, bewusst, mit Liebe zur Sprache. Keine Videos, keine Karussells. Nur Bild und Text. Sie ist überzeugt, dass Schreiben etwas sichtbar machen kann, was kein Kameraauge einfangen kann: das Innere eines Ortes, das Gefühl, das er hinterlässt. Dieser Ansatz gilt auch für ihre journalistische Arbeit. In ihrer wöchentlichen Kolumne „So isst Politik » beschreibt sie, was bei politischen Veranstaltungen am Buffet passiert – denn dort, findet sie, geschieht oft genauso viel wie auf der Bühne.

Im Gespräch entfaltet sich eine spannende Bestandsaufnahme der Berliner Gastronomieszene. Friederike beobachtet, dass neben der traditionsreichen multikulturellen Vielfalt eine Art Renaissance der deutschen Küche entstanden ist: ein neues Interesse an Regionalem, an Gemütlichkeit, auch an Gerichten aus der Kindheit. Dahinter steckt für sie mehr als ein kulinarischer Trend: Es ist eine Reaktion auf politische Unsicherheit, ein Wunsch nach dem Vertrauten in unruhigen Zeiten.

Friederike spricht mit echtem Enthusiasmus über Printjournalismus. Die Zeitung gleicht für sie einer kurzen Speisekarte in einem guten Restaurant: sie nimmt einem die Qual der Wahl, wählt aus dem Überfluss aus und bietet Orientierung. Was sie an Algorithmen kritisiert, ist genau das Gegenteil: sie spülen einem immer dasselbe in den Feed, das, womit man sich bereits wohlfühlt. Guter Journalismus hingegen kann einen auch ärgern. Und das, findet sie, ist wertvoll.

Die Vertrauenskrise gegenüber Medien ist für Friederike keine Zukunftsfrage, sondern bereits Gegenwart. KI-generierte Bilder, die kaum mehr von echten zu unterscheiden sind, verschärfen den Druck auf Redaktionen, schnell und zugleich sorgfältig zu sein. Ihre Antwort darauf ist Transparenz: zeigen, wie man arbeitet, Fehler eingestehen, den eigenen Alltag sichtbar machen, auch auf Instagram, wo sie gelegentlich einen Blick hinter die Kulissen der politischen Berichterstattung gewährt. KI selbst sieht sie weder als Bedrohung noch als Allheilmittel, eher wie einen Thermomix in einer Sterneküche: nützlich, wenn man weiß, wofür.

Friederike ist nicht Journalistin geworden, um über Politik zu berichten. Sie wollte schreiben. Schreiben ist für sie die Art, Inneres und Äußeres in Einklang zu bringen. Der Weg, jemandem eine Person, einen Ort, eine Situation so zu vermitteln, dass dabei nichts verloren geht. Schreiben ist nicht das Vorrecht von Profis. Auch eine WhatsApp-Nachricht kann ein kleines Kunstwerk sein, wenn man sich die drei, vier Sekunden nimmt, um zu überlegen, wie man anfängt, ob ein Witz möglich ist, ob ein Detail mehr sagt als das Offensichtliche. 

Diese Haltung, Dinge so gut zu machen, wie man sie kann, statt sie nur irgendwie zu erledigen zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch. Sie gilt für das Essen, für den Journalismus, für das Vertrauen zwischen Menschen. Und eben auch für das Schreiben, das all das zusammenhält.

Erwähnt:

Insights vom Friederike Haupt

Datum deiner Ankunft in Berlin Mai 2021

Warum bist du nach Berlin gezogen? Wegen der Arbeit: die Zeitung, für die ich arbeite, die FAZ, hat mich als Parlamentskorrespondentin hierher geschickt.

Was gefällt dir an Berlin am besten? Meine Arbeit. Und der Blick von meinem Balkon.

Was stört dich am meisten? Zu wenige Weinfeste.

Deine drei Lieblingsorte in Berlin?

  • Schlosspark Niederschönhausen,
  • KaDeWe
  • Freibad Humboldthain

Was ist das „Berlin-typischste“ an dir? Mein Beruf.

Dein Rezept für eine erfolgreiche Integration? Neugier.

Dein Mittel gegen Heimweh Pasta.

Die Person(en), die du gerne im Podcast hören würdest? Späti-Verkäufer und Köche.

Warum sollten die Leute dich kontaktieren? Ich könnte ihnen sagen, wo es richtig gute Kroketten gibt.

Sonst noch etwas? Das Zweitschönste an Berlin sind Ausflüge nach Brandenburg. Fahrt mal hin!

Frederike kontaktieren

Lieben Dank!

Herzlichen Dank liebe Frederike für das ganz tolle Gespräch und bis sehr bald 😀